EIN NEUER TOM ROB SMITH

Tom Rob Smith, Eine Familie im Kriegszustand

Sein Vater behauptete, seine Mutter sei verrückt. Seine Mum bezichtigte seinen Dad eines Verbrechens. Wem sollte er glauben? Bestsellerautor Tom Rob Smith über ein traumatisches Familiendilemma.

Am 22. April 2009 schickte meine Mum mir folgende Mail:
lieber thomas,
Wie geht es dir ............
kram mamma
Die letzten beiden Wörter sind Schwedisch, eine liebevolle Abschiedsformel, die "Umarmung, Mama" bedeutet. Acht Tage später rief mein Dad mich an. Er weinte und bekam kaum mehr als meinen Namen heraus. Besorgt fragte ich: "Was ist passiert?"
Meine Mutter war in die Psychiatrie eingewiesen worden.

Zu dieser Zeit lebten meine Eltern auf einem kleinen Hof in Südschweden, nicht weit vom Meer entfernt. Mein Dad ist Engländer und in London geboren, meine Mum kommt aus Schweden, aus Göteborg. Bevor sie diesen Hof kauften, hatte meine Mum den Großteil ihres Erwachsenenlebens in England verbracht, und nun wollten meine Eltern nach der Pensionierung dieses Ungleichgewicht ausbalancieren und die englische Großstadt gegen das ländliche Schweden tauschen. Sie verbrachten ihre Zeit damit, Obst und Gemüse anzubauen, zu angeln und Pilze sowie anderes Essbares zu sammeln.

Ich besuchte sie jeden Sommer und genoss die Zeit in dem neuen Zuhause, das meine Eltern sich geschaffen hatten. Tagsüber sammelten wir ganze Körbe von Pfifferlingen, abends spielten wir in Ermangelung eines Fernsehers Karten. Glücklicher hatte ich sie nie erlebt. Durch die Arbeit auf ihrem Grundstück waren sie schlank und braungebrannt. Sie sahen großartig aus. Ich hatte das Gefühl, dass sie nach der Plackerei, eine Hypothek abzubezahlen und drei Kinder großzuziehen, dort gemeinsam so etwas wie Frieden gefunden hatten. Diese Verjüngung zog sogar Kreise, ihre gebrechliche Schäferhündin rappelte sich noch einmal auf und genoss ihre Rolle als Beschützerin von Haus und Hof so sehr, dass sie wieder gesund wurde und noch zwei Jahre zufrieden lebte. Und die Zukunft versprach noch rosiger zu werden. Die Renovierungsarbeiten liefen weiter. Der Gemüsegarten wurde vergrößert. Meine Eltern hauchten einem vernachlässigten alten Hof neues Leben ein, und vielleicht wurden sie deshalb im Ort so gut aufgenommen. Sie hatten viele Freunde. Und viele Pläne. Bis zum Anruf meines Vaters hatte ich keine Ahnung, dass etwas nicht stimmte.

Am Abend des 30. April ging ich gerade durch eine ruhige Nebenstraße in Bermondsey nach Hause, als mein Handy klingelte und mein Vater mir die Neuigkeiten erzählte. Ich reagierte kaum, ich war wie betäubt. Laut meinem Dad waren schon seit Wochen deutliche Anzeichen einer Psychose aufgetreten, subtilere sogar seit Monaten. „Seltsam“, „schrecklich“ und „fantasiert“ sind mir als Begriffe am deutlichsten im Gedächtnis geblieben; zum ersten Mal in meinem Leben begegnete mir Fantasie in einem negativen Zusammenhang. Die Stimme meines Dads beruhigte sich bald. Er hörte auf zu weinen und klang nur noch tonlos, was ich als Erschöpfung deutete.

Meine Gedanken dagegen rasten, um hinterherzukommen. Die Situation erschien mir unwirklich. In meiner Familie gab es keine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen. Offen gesagt, hatte ich von dem Thema keine Ahnung; es hatte mich noch nie berührt, und ich hatte mir nie die Zeit genommen, mich damit zu befassen. Ich war nicht einmal sicher, ob ich eine Psychose hätte definieren können, zumindest nicht im klinischen Sinn. Stattdessen war ich in Gedanken sofort bei Filmklischees über gefährliche Menschen, Leute, vor denen man Angst haben sollte. Mein Dad betonte, er habe alles getan, um meiner Mum zu helfen, er habe gehofft, die Symptome würden sich wieder "zurückziehen", als wären es Wasserfluten nach einem Sturm, die sich irgendwann von selbst wieder ins Meer zurückziehen würden. Am Ende blieb ihm aber keine Wahl, nachdem auch die liebevollste Zuwendung zu keiner Besserung geführt hatte, und er brachte sie in eine psychiatrische Klinik.

Unser erstes Gespräch war recht kurz. Mein unmittelbarer Impuls war, sofort irgendetwas zu unternehmen, nicht nur zu reden. Ich lief nach Hause, rannte geradezu, aus schierer Anspannung, und buchte den ehestmöglichen Flug nach Schweden. Ich bin ein Sandwichkind mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder, aber ich konnte als Einziger von uns auf der Stelle alles stehen und liegen lassen, um zu unseren Eltern zu fliegen. An diesem Abend telefonierte ich mehrmals mit meinem Dad, vor allem, um die Details zu meinem Flug und zu unserem weiteren Vorgehen zu besprechen.

Früh am nächsten Morgen rief mein Dad völlig panisch an. Meine Mum hatte die Klinik auf eigenen Wunsch verlassen, ohne dass die Mitarbeiter ihn informiert hätten. Er hatte keine Ahnung, wo sie war. Sie war verschwunden. Wir machten uns größte Sorgen. Sie hatte zwar ihre Handtasche bei sich, aber kein Handy. Wir konnten sie nicht erreichen. Wir hatten keine Ahnung, wo sie war oder wohin sie womöglich wollte. Ich war so wütend, dass mein Dad nicht für eine sichere Unterbringung gesorgt hatte, dass ich die Beherrschung verlor. Dabei hatte er nicht einmal im Traum daran gedacht, dass man sie entlassen könnte. Er verstand das alles genauso wenig wie ich. Die Ärzte weigerten sich jedoch, uns nähere Auskünfte zu geben. Wir wussten nicht weiter. Ich hatte mich noch nie so hilflos gefühlt.

Als ich zum Flughafen aufbrechen wollte, um meinem Dad in Schweden bei der Suche zu helfen, klingelte mein Handy. Es war meine Mum, die von einer Telefonzelle aus anrief. Ich war unglaublich erleichtert und unfassbar froh, ihre Stimme zu hören – es ging ihr gut. Aber die Erleichterung hielt nicht lange an. Klar und eindringlich erzählte sie mir, mein Dad würde Lügen über sie verbreiten. Sie sei nicht krank. Oder verrückt.

Mein Dad sei in kriminelle Machenschaften verstrickt und wolle sie diskreditieren, um seine eigene Haut zu retten. Das habe sie auch im Krankenhaus erzählt, wo man ihr geglaubt habe und sie deshalb gehen ließ. Zu ihrer eigenen Sicherheit habe sie darum gebeten, dass das Krankenhaus meinem Dad keine Informationen weitergab. Sie habe einen Bus zum Flughafen genommen und wolle dort ein Ticket nach England kaufen. Sie sei auf dem Weg zu mir. Hier würde sie mir alles erzählen. Das Gespräch wurde unterbrochen. Als ich zurückrief, nahm niemand ab.

Mittlerweile hatte ich die Illusion aufgegeben, die Lage irgendwie im Griff zu haben. Kaum hatte ich die Vorstellung verarbeitet, meine Mum könne krank sein, eröffnete sich eine zweite Möglichkeit. Meine Mum war völlig gesund. Mein Dad log. Meine Eltern waren seit über dreißig Jahren verheiratet. Wie in jeder Ehe hatte es schwierige Phasen gegeben, privat wie beruflich, aber sie hatten nie gegeneinander gearbeitet oder einander schaden wollen. Trotzdem sollte ich jetzt genau das von meinem Dad glauben. Ich hatte noch nie zwischen meinen Eltern wählen müssen – sie haben uns Kinder nie gezwungen, sich auf die Seite des einen oder anderen zu stellen. Ich selbst komme vielleicht sogar etwas mehr nach meiner Mum. Sie hat etwas Verträumtes an sich und ist in Gegenwart anderer Menschen schüchtern. Mein Dad ist genauso sensibel, verbirgt es aber unter britischem Gleichmut und einem traditionellen Verständnis männlicher Stärke. Wenn sie aufgebracht waren, kamen meiner Mum die Tränen, während mein Dad wütend wurde. Von solchen Unterschieden abgesehen, bildeten sie eine Einheit – ein Team, manchmal ein stürmisches, oft ein brillantes.

Jetzt hatte ein einziger Anruf dieses Bild in nur dreißig Sekunden zerstört. Glaubte ich meiner Mum, waren meine Eltern nun Gegner.

Ich konnte nicht lügen und so tun, als wäre meine Mum immer noch verschwunden. Gleichzeitig war mir nicht wohl dabei, meinem Dad die Neuigkeiten zu erzählen. Dieses Unwohlsein war furchtbar. Wie konnte ich einem geliebten Menschen bei etwas so Wichtigem wie dem Wohlergehen seiner eigenen Frau misstrauen. Als er sagte, er wolle versuchen, sie am Flughafen abzufangen, kamen mir Zweifel, ob ich meine Mum nicht verraten, ob ich unsere enge Beziehung nicht aufs Spiel gesetzt hatte. Und bei dem Gedanken daran, wie meine Eltern einander schließlich gegenüberstehen würden, wurde mir übel.

Mein Dad fuhr zum Flughafen Landvetter, rief von dort an und sagte, er könne sie nirgends entdecken, und die Fluggesellschaft würde jede Auskunft über die Passagierliste verweigern. Dann sah er sie. Die nächsten Momente waren etwas chaotisch. Den Geräuschen nach rannte mein Vater. Ich hörte ihre Stimmen. Sie wurden beide nicht laut und sprachen nur kurz miteinander. Zu meiner Überraschung klang mein Dad knapp und bestimmt, nicht bittend oder wie ein sanfter Überredungskünstler. Am Ende war meine Mum bereit, mit mir zu sprechen; sie erklärte, sie habe einen Flug über Kopenhagen nach London gebucht. Als ich wieder meinen Dad am Handy hatte, sagte er, meine Mum würde gerade das Abflug-Gate passieren. Er würde sie nicht aufhalten, sondern allein in Schweden zurückbleiben. Ich solle sie in Heathrow abholen.

Ich war mir nicht sicher, ob er schuldbewusst oder verärgert klang oder ob meine Mutter sich krank oder geistig klar angehört hatte. Ich hatte gehofft, das zu erkennen, sobald sie etwas sagte, hatte mit wirrem Gefasel oder absurden Behauptungen gerechnet, aber sie hatte klar und verständlich gesprochen. Außerdem fand sie sich auf dem Flughafen zurecht wie jeder andere auch – am Schalter hatte man ihr ein Ticket verkauft, und auch die diversen Sicherheitsschleusen und Passkontrollen hatte sie problemlos gemeistert.

Ich versuchte, mich möglichst wörtlich an alles zu erinnern, was mir mein Dad bisher erzählt hatte. Dabei tauchten Fragen auf: Warum hatte er mir erst so spät gesagt, was los war? Warum wollte man ihm in der Klinik keine Auskunft geben? Warum hatte er am Flughafen wütend geklungen? Und warum kam er nicht mit Mum nach London? In meinem Kopf addierten sich die Verdachtsmomente. Um diese Gedanken zu bändigen, rief ich meinen jüngeren Bruder an. Wir wollten unsere Mum in der Ankunftshalle abholen. Meine Schwester wohnt zu weit von London entfernt, sie hätte nicht rechtzeitig kommen können. Mein Bruder und ich wechselten weder im Zug nach Heathrow noch in einem der Flughafencafés viele Worte, und wir legten uns auch nicht fest, welcher Version wir glauben sollten. Wir waren frühzeitig in Heathrow und kontrollierten alle paar Minuten die Anzeigetafel, bis der Flug meiner Mum dort erschien – sie war gelandet.

Mit einer kleinen Handtasche als einzigem Gepäck betrat sie die Ankunftshalle. Ihre Kleidung war weder besonders ordentlich noch derangiert, und ihre Haare waren zwar nicht großartig frisiert, aber gekämmt. Sie hatte erschreckend abgenommen.

Als wir sie begrüßten, schien sie sich unglaublich zu freuen. Wir umarmten uns, genau wie viele andere Familien bei ihrem Wiedersehen, und dieser Augenblick war so normal und liebevoll, dass ich mir kaum vorstellen konnte, meine Mutter könnte sich irgendwie verändert haben. Der logische Schluss wäre allerdings, dass mein Dad irgendetwas Schreckliches verbrochen hatte und sie deswegen aus Schweden geflohen war. Einer meiner Elternteile hatte sich verändert, die Frage war nur: welcher?

Auf der Fahrt nach London hielt meine Mum meine Hand, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Dabei hatte sie das seit vielen Jahren nicht mehr getan, und meine kindliche Verlegenheit angesichts der fragenden Blicke der anderen Fahrgäste schien sie gar nicht zu bemerken. Obwohl ich sie mittlerweile über eine Stunde hatte beobachten können, musste ich zu meiner eigenen Verblüffung konstatieren, dass ich immer noch nicht wusste, was ich glauben sollte. Meine Mum war eindeutig verstört, aber das stritt sie auch gar nicht ab – sie behauptete nur, aufgrund der Verbrechen, die sie in Schweden aufgedeckt hätte, habe sie jeden Grund dazu. Ich bat sie um eine Erklärung, aber sie ließ sich nicht drängen und wollte erst in meiner Wohnung reden, wenn wir unter uns waren.

Mein Dad war mittlerweile in den Hintergrund gerückt. Er war immer noch in Schweden und hatte auch nicht vor herzufliegen. Wir hatten ihm Bescheid gegeben, dass Mum sicher bei uns in London gelandet war, konnten aber schlecht länger mit ihm sprechen. Meine Mum verlangte, wir sollten uns ihre Version der Geschichte anhören, ohne uns ständig mit ihm auszutauschen.

Wir willigten ein. Mein Dad musste einige Stunden ohne Neuigkeiten auskommen.

In meiner Wohnung setzten mein Bruder und ich uns an den Esstisch und hörten zu, während meine Mum von den letzten Monaten erzählte. An diesem Abend war sie eine großartige Geschichtenerzählerin. Sie erinnerte sich lebhaft und eindringlich an Details, wurde zu keinem Zeitpunkt ungenau oder konfus. Sie redete fast den ganzen Abend. Mindestens vier Stunden lang beschrieb sie eine Reihe einzelner Momente, die sie zu einer großen Verschwörung verknüpfte. Was genau hatte es mit dieser Verschwörung auf sich? Das wollte sie nicht sagen. Es gab keinen einzelnen großen Vorwurf, nichts, was sich in einem einzigen Satz hätte zusammenfassen lassen.

Stattdessen erzählte sie von einzelnen Vorfällen. Einmal ging es um ein Fest an einem Flussufer, bei dem eine junge, schöne Frau lüstern angeschmachtet wurde. Ein anderes Mal hatte ein Nachbar ein Gespräch mit meiner Mum beendet, indem er ihr die Tür vor der Nase zuschlug. In ihrer Schilderung hatte sie während der letzten Monate immer isolierter gelebt, je mehr sich ihr Misstrauen der Dorfgemeinschaft gegenüber festigte, die dunkle, verstörende Geheimnisse gehütet habe. Was für Geheimnisse?, fragte ich. Doch als Antwort auf direkte Fragen bekam ich nur weitere Episoden zu hören. Sie berichtete von Beleidigungen und Kränkungen. Ihre Versuche, Freundschaften zu knüpfen, seien jedes Mal mit Kränkungen beantwortet worden. Und das Schlimmste sei, mein Dad habe sich auf die Seite der Nachbarn geschlagen und sich in ihre Verschwörung hineinziehen lassen, statt sich mit meiner Mum zu verbünden.

Mein Bruder und ich hatten kaum ein Wort gesagt, nur gelegentlich eine Frage eingeworfen oder bei Einzelheiten nachgehakt. Als ich an diesem Tisch saß und mir ihre Geschichte anhörte, fragte ich mich, ob sie nicht vielleicht doch wahr sein könnte. Alle Vorfälle, die sie beschrieb, klangen plausibel und überzeugend. Ich würde sogar sagen, dass jeder einzelne vermutlich tatsächlich stattgefunden hat.

Als meine Mum eine Pause einlegte und ich kurz mit meinem Bruder allein war, meinte er, er sei sich nicht sicher. Aber wessen sollte er sich sicher sein – was bedeutete das alles? Im Kern ging es bei der ganzen Geschichte meiner Mum darum, dass sogar die Menschen, die einem näherstehen als alle anderen, plötzlich etwas Schockierendes tun können. Wie wollte ich dem widersprechen? Ich hatte meinen Eltern jahrelang meine sexuelle Orientierung verheimlicht. Als ich ihnen endlich die Wahrheit sagte in der Hoffnung, sie hätten sie längst gespürt, versetzte ihnen das sichtlich einen Schlag – nicht vor Entsetzen, sondern weil sie es nicht gemerkt hatten, weil sie an die vielen unentdeckten Lügen denken mussten. Genau das führte sie jetzt als Argument an: Wir haben dich nicht gekannt. Du kennst uns nicht. Und diese Menschen auch nicht, die dich angelächelt haben, wenn du uns besucht hast. Die Welt rund um ihren Hof wäre kein ländliches Idyll gewesen, sondern ein Ort voller Täuschungen, an dem nichts war, wie es schien. Sie brauchte nur an der Oberfläche zu kratzen, um das ganze verrottete Fundament dieser Gemeinschaft bloßzulegen. Ja, sie sei verstört, ja, sie sei durcheinander und verängstigt, aber deshalb noch lange nicht wahnsinnig.

Als meine Mum eine Pause einlegte und ich kurz mit meinem Bruder allein war, meinte er, er sei sich nicht sicher. Aber wessen sollte er sich sicher sein – was bedeutete das alles? Im Kern ging es bei der ganzen Geschichte meiner Mum darum, dass sogar die Menschen, die einem näherstehen als alle anderen, plötzlich etwas Schockierendes tun können. Wie wollte ich dem widersprechen? Ich hatte meinen Eltern jahrelang meine sexuelle Orientierung verheimlicht. Als ich ihnen endlich die Wahrheit sagte in der Hoffnung, sie hätten sie längst gespürt, versetzte ihnen das sichtlich einen Schlag – nicht vor Entsetzen, sondern weil sie es nicht gemerkt hatten, weil sie an die vielen unentdeckten Lügen denken mussten. Genau das führte sie jetzt als Argument an: Wir haben dich nicht gekannt. Du kennst uns nicht. Und diese Menschen auch nicht, die dich angelächelt haben, wenn du uns besucht hast. Die Welt rund um ihren Hof wäre kein ländliches Idyll gewesen, sondern ein Ort voller Täuschungen, an dem nichts war, wie es schien. Sie brauchte nur an der Oberfläche zu kratzen, um das ganze verrottete Fundament dieser Gemeinschaft bloßzulegen. Ja, sie sei verstört, ja, sie sei durcheinander und verängstigt, aber deshalb noch lange nicht wahnsinnig.

Angst sei die angemessene Reaktion.

Ich versuchte, mir meinen Dad in der von ihr beschriebenen Welt vorzustellen. Das Erschreckende war, dass es mir gelang. Ich konnte mir sogar vorstellen, selbst in so ein Szenario hineinzugeraten, Schritt für Schritt, fast unmerklich – eine schleichende Verstrickung in Lügen, Betrügereien, Begehren, gefolgt von dem verzweifelten Versuch, alles zu vertuschen, indem man die Glaubwürdigkeit des einzigen Menschen zerstört, der den Mut besitzt, alles aufzudecken.

Meine Mum hat für mich mehr getan als jeder andere. Im Gegenzug hatte sie nur eine einzige Bitte – ich sollte ihr glauben. Sie war nach London gekommen, weil sie sicher war, dass ich auf ihrer Seite kämpfen würde.

Am Ende tat ich es nicht. Der Grund für meine Entscheidung lag nicht in ihrer Geschichte, sondern in ihrem Verhalten. Sie konnte mein Handy nicht ertragen, schob es immer wieder weiter weg oder drehte es auf das Display, als könnte sie so die Gefahr bannen, die von ihm ausging. Während einer Pause ging sie ins Bad, und weil sie nicht zurückkam, sah ich nach ihr. Als wir allein waren, fiel mir auf, dass sie immer noch das Plastikarmband aus der Klinik trug. Sie bemerkte meinen Blick und lächelte. Ihr Lächeln war in dieser Situation so unpassend, dass ich plötzlich das Gefühl hatte, zwischen uns lägen Welten. Ich begriff nicht, weshalb sie lächelte. Ich begreife es immer noch nicht.

Weil es schon nach Mitternacht war, waren mein Bruder und ich uns einig, nicht sofort etwas zu unternehmen. Erst einmal wollten wir versuchen, etwas zu schlafen; am nächsten Morgen würden wir einen klareren Kopf haben. Ich lag lange wach und überlegte, wie wir am besten medizinische Hilfe bekommen konnten. Sollten wir in die Notaufnahme fahren oder es bei unserem Hausarzt versuchen? Nach mehreren Gesprächen mit der telefonischen Gesundheitsberatung NHS Direct rief ich einen Krankenwagen. Die Sanitäter kamen zu uns und überprüften mit ein paar einfachen Tests den körperlichen Zustand meiner Mum. Sie hatte plötzlich die Vermutung geäußert, ihre Unruhe könnte von einem zu hohen Blutdruck herrühren, und ich weiß noch, wie mein Herz einen Sprung machte angesichts der Hoffnung, es doch nur mit einem leicht behebbaren medizinischen Problem zu tun zu haben. Aber wie die Sanitäter feststellten, war meine Mum körperlich in guter Verfassung.

An diesem Punkt erzählte ich von ihren paranoiden Vorstellungen und ihrer Einweisung in ein schwedisches Krankenhaus. Wir fuhren zusammen in eine Klinik, nicht in eine psychiatrische Abteilung, sondern in die Notaufnahme des St Mary's in Paddington, wo ein Psychiater meine Mum begutachten sollte. Während dieser Sitzung – meine Schwester war mittlerweile auch eingetroffen – ging der Psychiater eine ganze Reihe von Fragen durch. Meine Mum antwortete, und wenn sie etwas ausließ, steuerte ich die Informationen bei. Am Ende schloss der Psychiater mit sanfter Stimme, er glaube, meine Mum sei krank und brauche Hilfe. Zum ersten Mal, seit mein Dad mich angerufen hatte, weinte ich. Es wurde alles vorbereitet, um meine Mum in eine Psychiatrie zu verlegen.

Meiner Mum gelang eine erstaunliche Genesung. Sie verbrachte drei Wochen in der geschlossenen Abteilung des St Charles Hospital in Westlondon. Der Durchbruch kam, als sie die Antipsychotika nahm, die sie anfangs abgelehnt hatte. Nachdem sich ihr Zustand rasch gebessert hatte, wurde sie in die Obhut meines Dads entlassen; die Medikamente nahm sie weiter, bis sie das Gefühl hatte, sie nicht mehr zu brauchen.

Ich bin überzeugt, dass sie – wenn auch unbewusst – im Grunde nicht nach England zurückgekehrt war, um in mir einen Verbündeten für ihre Anschuldigungen zu finden, sondern um ihrem Wahnsinn zu entkommen und gesund zu werden. Ich war und bin immer noch tief beeindruckt von ihrer Kraft und Entschlossenheit. Die Behandlung und Betreuung durch den staatlichen Gesundheitsdienst war einfach wunderbar. Und mein Dad hat sie während der ganzen Zeit unterstützt. Doch es ist vor allem meiner Mum zu verdanken, dass diese Geschichte ein glückliches Ende findet.

Am 13. Juli 2010, 14 Monate später, schickte mir meine Mum von ihrem Hof in Schweden diese Mail:

Lieber Thomas,
bei uns regnet es heute. Ein herrliches Gefühl.
Schlimmer als zu viel Regen ist nur zu wenig Regen.
Pass auf dich auf,
kram,
mamma

In guten wie in schlechten Tagen, die Zuneigung bleibt. Bis heute ist nicht geklärt, was die Psychose meiner Mum ausgelöst hat. Meine Vorstellung einer Flutwelle scheint es gut zu treffen.

Meine Mum hat die Ärzte mit ihrer Genesung so beeindruckt, dass sie jetzt vor anderen Frauen Vorträge über ihre Erfahrungen hält. Meine Eltern sind ein Paar und einander näher als zuvor – sie sind wieder ein Team. Und auch ich fühle mich meinen Eltern eher noch tiefer verbunden. Zum Erwachsenwerden gehört es, seine Eltern neu kennenzulernen und für sie da zu sein, so wie sie unzählige Male für ihre Kinder da waren.

In der Literatur findet sich oft der Aberglaube, ein Ort könne Spuren der traurigen und tragischen Ereignisse bewahren, die dort stattfanden – es könne spuken. Vielleicht war es auf dem Hof so. Kurz nach der Mail im Juli verkauften meine Eltern den Hof. Wir hoffen, dass wir irgendwann einen anderen finden.

Was ist eine Psychose?

Die wichtigsten Symptome sind eine gestörte Wahrnehmung, Halluzinationen und Wahnvorstellungen, wobei der Betroffene Dinge sieht und hört, die nicht real sind. Deshalb ist Betroffenen während eines psychotischen Zusammenbruchs oft überhaupt nicht bewusst, dass sie ein abnormes Verhalten aufweisen. Obwohl das Leiden oft durch tief sitzende psychische Erkrankungen wie Schizophrenie, eine bipolare Störung oder auch durch Drogenmissbrauch ausgelöst wird, kann es auch alltägliche Ursachen haben, etwa Stress oder Angstgefühle, Schlafmangel oder andere Umweltfaktoren. Oft bleibt der genaue Grund ungeklärt.

In den meisten Fällen zeigen sich die ersten Symptome eines psychotischen Schubs als Veränderungen im alltäglichen Verhalten und in sozialen Beziehungen, was zu einer frühen Diagnose und damit einer besseren Chance auf vollständige Heilung führen kann.

Laut dem Sussex Partnership NHS Foundation Trust sind Psychosen weiter verbreitet, als oft angenommen wird; eine jüngere Studie kommt zu dem Schluss, dass 3 von 100 Personen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal einen solchen Schub erleiden. Die Krankheit wird vor allem bei jungen Erwachsenen diagnostiziert, aber sie kann zu jeder Zeit und bei jedem auftreten.

Je nach Schwere des Falls gibt es zahlreiche Behandlungsansätze, darunter die Gabe von Antipsychotika und kognitive Verhaltenstherapien, aber der wichtigste Faktor für eine vollständige Genesung ist eine frühzeitige Behandlung.

Der Artikel erschien ursprünglich in THE TIMES Magazine, Februar 2014
Ins Deutsche übersetzt von Eva Kemper