EIN NEUER TOM ROB SMITH

»Es begann mit einem dramatischen Anruf«

Das erste Buch des Filmautors Tom Rob Smith war ein sensationeller Überraschungserfolg: „Kind 44“, und auch die beiden Folgebände um den sowjetischen Geheimdienstoffizier Leo Demidow begeisterten das internationale Publikum. Während der erste Band der Trilogie jetzt von Ridley Scott verfilmt wird, hat Tom Rob Smith einen neuen Thriller veröffentlicht: „Ohne jeden Zweifel“. Ein Gespräch mit dem Londoner Autor.

Sie haben drei Bücher über Leo Demidow geschrieben, die in der Sowjetunion spielen, beginnend in den 1950er Jahren. Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem neuen Buch gekommen, einem ganz anderen Thriller, der in der Gegenwart angesiedelt ist, in London und in Schweden?

Die Idee geht auf einen Anruf zurück, den ich bekam, als ich „Agent 6“ schrieb, den dritten Band um Leo. Es war ein sehr dramatischer Anruf, und mir war sofort klar, dass er der Startschuss für mein nächstes Buch war. Und dann habe ich mir diese Geschichte ausgedacht, die damit beginnt, dass Daniel, ein Londoner Mitte dreißig, von seinem Vater angerufen wird. Der Vater ist ganz verstört und behauptet, dass Daniels Mutter Tilde sich seltsame Dinge zusammenreimt, dass sie Verbrechen und Verschwörungen sieht, wo keine sind, und er sie deshalb in eine psychiatrische Klinik einweisen ließ. Seine Mutter erzählt allerdings eine ganz andere Geschichte, die sogar ihren Mann schwer belastet, und sie beschwört Daniel, ihr zu vertrauen. Daniel wird damit in die Rolle des Richters über seine Mutter gedrängt, für die alles davon abhängt, wem ihr Sohn schließlich glauben wird.

Für Daniel ist das auch deshalb so dramatisch, weil ihn dieser Anruf überrascht. Warum hat er nichts von dem bemerkt, was seine Eltern in den vergangenen Monaten bewegt hat?

Er hat geglaubt, dass es ihnen auf ihrem Hof in Schweden gut geht, auf dem sie ihren Lebensabend verbringen wollten. Er wollte das auch glauben, weil er mit sich, mit seinem eigenen Leben beschäftigt war. Nach diesem Anruf kann er seinen Eltern nicht mehr ausweichen. Er will nach Stockholm fliegen, aber seine Mutter kommt ihm zuvor: Sie hat die Klinik verlassen können, ist sofort nach London aufgebrochen und muss hier nun ihren Sohn davon überzeugen, dass sie in Schweden furchtbaren Verbrechen auf die Spur gekommen ist, in die auch sein Vater verwickelt ist. Die Frage ist, wessen Version stimmt: die von Tilde oder die von ihrem Mann.

Sie sind wie Daniel der Sohn einer schwedischen Mutter und eines britischen Vaters, und Sie haben wie er einen dramatischen Anruf bekommen. Ist „Ohne jeden Zweifel“ autobiographisch?

Der Roman basiert auf einem realen Ereignis, und die Schauplätze in London und Schweden sind echt. Aber ich bin nicht Daniel, und meine Mutter ist nicht Tilde. Der Anruf war lediglich der Auslöser für diesen Thriller.

Mit Ihrer Trilogie um Leo Demidow sind Sie eingetaucht in die Sowjetunion und haben von Ermittlungen eines Geheimdienstoffiziers erzählt. Ist es Ihnen schwergefallen, jetzt einen ganz anderen Thriller zu schreiben?

Es war eine Herausforderung. Aber nicht nur deshalb, weil es eine andere Art Thriller ist, sondern weil es eben dieses Buch werden sollte. Über weite Passagen sitzt Daniel seiner Mutter gegenüber, sie ist aufgeregt und verzweifelt und will ihn unbedingt davon überzeugen, dass sie zurechnungsfähig ist und Beweise für Verbrechen gefunden hat, die ihr Mann zu vertuschen sucht. Dass Daniel ihr glaubt, ist ihre letzte Hoffnung. Diese intensive, emotionale Begegnung der beiden war für mich die Herausforderung: über eine Frau zu schreiben, die ihren Sohn anfleht, ihr zu glauben – und aus dieser Begegnung eine spannende Geschichte zu machen.

Es ist ein komplexes Buch, das von Daniel erzählt, von Tilde, von den Menschen, denen sie in Schweden begegnet, von ihrer Kindheit. Was ist für Sie der Kern?

Es geht mir um die Frage, wie wir dazu kommen, etwas für die Wahrheit zu halten. Tilde ist überzeugt davon, dass das, was sie Daniel berichtet, wahr ist. Die Frage ist, ob sie recht hat, ob sie ihre Beobachtungen und Beweise richtig zusammenfügt, sie richtig interpretiert. Und wenn sie recht hat, was bedeutet das für Daniel – muss er dann dafür sorgen, dass sein Vater ins Gefängnis kommt? Und wenn Tilde die Beweise, die sie gesammelt hat, falsch interpretiert, heißt das dann, dass sie tatsächlich in die Psychiatrie gehört? Der Roman dreht sich letztlich um die Frage, wie wir zu unserer Interpretation der Welt kommen, es geht um die Entstehung von Geschichten, um deren Macht und um die Gefahr, die mit dieser Macht verbunden ist.

Ein großer Teil Ihres neuen Thrillers spielt in Schweden. Was bedeutet dieses Land für Sie?

Schweden ist meine Heimat, und doch fühle ich mich wie ein Fremder dort, weil ich die meiste Zeit in London gelebt habe. Ich spreche Schwedisch, aber auf eine altmodische, umständliche Weise – so wie Tilde, die Schweden als junge Frau verlassen hat und erst nach Jahrzehnten zurückkehrt. Wahrscheinlich würde sich mein Schwedisch verändern, wenn ich länger dort leben würde. Aber ich vermute, dass ich immer ein Außenseiter bleiben würde. Allerdings gefällt mir das auch. Gerade wenn ich über dieses Land schreibe, ist es gut, nicht dazuzugehören.

Ein Teil Ihres neuen Thrillers spielt in der Umgebung des Hofes in Schweden, auf dem Tilde und ihr Mann leben. Haben Sie „Ohne jeden Zweifel“ auch in dieser abgelegenen Gegend geschrieben?

Nein, in London. Aber eine Ahnung von Schweden gibt es auch hier: Ich habe einen kleinen Balkon, auf dem ich eine Wiese angelegt habe für Bienen und Schmetterlinge. Wahrscheinlich spielen Bienen auch in dem Buch eine Rolle, weil ich sie beim Schreiben vor Augen hatte.

Während „Ohne jeden Zweifel“ erscheint, wird „Kind 44“ von Ridley Scott verfilmt. Sie haben schon etliche Drehbücher geschrieben – stammt dieses auch von Ihnen?

Nein, der Film ist vor allem die Vision des Regisseur Daniél Espinosa.

Für viele Autoren ist es schwierig, ihr Buch aus den Händen zu geben und es einem Filmteam anvertrauen zu müssen. Wie geht es Ihnen damit?

Der Film wird in Prag gedreht, ich komme gerade von den Dreharbeiten zurück und habe gesehen, dass er großartig wird. Daniél Espinosa mag mein Buch, er hat immer sein Exemplar am Set dabei. Es ist seine Vision von meinem Buch, die er verfilmt, aber er bleibt ihm dennoch sehr treu.

Wie sind Tom Hardy und Noomi Rapace als Leo und Raissa?

Die beiden sind die perfekte Besetzung. Sie zusammen vor der Kamera zu sehen, hat mich sehr bewegt. In den Szenen, die gedreht wurden, als ich dort war, ist sie so smart, so berührend und er so ein emotionales Wrack – die Situation ist aussichtslos, und man muss mit ihnen mitempfinden. Außerdem spielt Philipp Seymour Hoffman mit, der schon viermal für einen Oscar nominiert war, sowie Joel Kinnaman, Charles Dance und Gary Oldman, den ich ganz besonders schätze.

Alle Ihre Bücher sind Thriller. Was reizt Sie so an diesem Genre?

Wirklich erklären kann ich das nicht. Ich lese ganz unterschiedliche Bücher, aber ich könnte zum Beispiel nie eine Komödie schreiben. Um erzählen zu können, brauche ich Geheimnisse, falsche Fährten, menschliche Abgründe, Spannung.

Das Gespräch führte Sabine Schmidt.