EIN NEUER TOM ROB SMITH

Interview mit Tom Rob Smith über seine Leo-Demidow-Romane »Kind 44«, »Kolyma« und »Agent 6«

Tom Rob Smith © Sam Faulkner

Mr. Smith, wer sind Jim Johnston und sein Sohn John Johnston?

Jim und John Johnston sind zwei Figuren aus meinem allerersten Roman. Ich glaube, ich war zwölf, als ich beschloss, ein Buch zu schreiben. Damals dachte ich, ein Buch schreibt man, indem man ein gebundenes Buch kauft und es vollschreibt. Also habe ich im Schreibwarengeschäft ein Notizbuch gekauft, und weil es ein richtiges Buch sein sollte, musste es einen festen Einband haben. Können Sie sich noch an diese Buchstaben erinnern, über die man mit einem Bleistift rubbeln konnte um sie abzupausen? So wollte ich den Titel auf den Einband drucken, damit es professioneller aussah. Ich war mit zwölf nicht so richtig rechtschreibsicher, also ist das Werk voller Orthographie- und Grammatikfehler. Aber wichtig war meine Überzeugung, dass ich ein Buch schreiben konnte, dass es machbar war. Ich hatte keine Angst. Man sollte nicht glauben, dass man vierzig oder fünfzig sein muss, um ein Buch zu schreiben. Ich verspreche Ihnen, wenn Sie so lange warten, müssen Sie sich mit Leuten messen, die schon seit zwanzig oder dreißig Jahren im Geschäft sind.

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Was haben Jim und John Johnson in Ihrem Buch gemacht?

Sie haben ein Verbrechen aufgeklärt. Mein Buch war ein Krimi. Sogar mit zwölf war ich schon auf das Genre festgelegt. Ich mochte Thriller von klein auf, also war es das, was ich geschrieben habe, wo es mich hingezogen hat. Genauer gesagt, war der erste Teil ein Krimi, der zweite Teil spielte vor Gericht. Und den habe ich nie zu Ende geschrieben. Also hat mich wohl die juristische Seite schon damals weniger interessiert. Diese zweite Hälfte des Buches hatte ich „The Trial“ („Der Prozess“) genannt. Und ich hatte wieder diese Stempel benutzt. Allerdings ist mir ein Fehler unterlaufen: Ich habe „The Trail“ („Der Pfad“) gestempelt. Ich glaube, damals habe ich das gar nicht bemerkt. Es fiel mir erst kürzlich beim Wiederlesen auf.

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Und wovon handelt der erste Teil des Buches?

Ich glaube, es ging um einen Serienkiller, der, wenn ich mich recht erinnere, „Der Literat“ hieß. Er hinterlässt Gedichte von William Blake mit versteckten Hinweisen am jeweiligen Tatort. Ich glaube, der Ermittler war ein richtig knurriger alter Cop, der von Literatur keine Ahnung hat und dem sein Sohn bei der Zuordnung der Gedichte hilft.

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Das hört sich an wie eine Mischung aus John Grisham und Michael Connelly.

Es war eher eine Kombination aus „Fawlty Towers“ (britische Fernsehserie von und mit John Cleese, deutsch: “Das verrückte Hotel“) und Michael Connelly. Eine ziemlich schräge Mischung und unfreiwillig komisch. Hinsichtlich der Ambition ging es tatsächlich in Richtung Michael Connelly, hinsichtlich der Ausführung nicht.

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Heute haben sich Ihr Stil und Ihre Rechtschreibung natürlich verbessert, und bei der Wahl der Namen haben Sie auch enorme Fortschritte gemacht. Wie sind Sie auf Leo Demidow gekommen?

Namen sind interessant. Weil sie mich einerseits überhaupt nicht interessieren, andererseits aber enorm wichtig sind. Bei Leo gab es einige ganz praktische Überlegungen. Der Name musste kurz, als Name erkennbar und weltweit verständlich sein. Ich habe seitenweise Listen mit allen möglichen russischen Vor- und Nachnamen ausgedruckt. Dann habe ich sie laut ausgesprochen und überlegt, ob sich einer richtig anhörte. Zuletzt habe ich Vor- und Nachnamen kombiniert. Eine ziemlich langwierige Prozedur, aber wenn man dann den Namen hört, der einem gefällt und der funktioniert, ist es schon ein eigenartiges Gefühl.

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Sie sind ein relativ junger Engländer, der Bücher über die Sowjetunion unter Stalin schreibt. Wie kommt es zu dieser Wahl?

Das erste Buch – „Kind 44“ – beruht auf einem echten Fall, auf den ich bei Recherchearbeiten für ein Filmprojekt gestoßen bin. Nachdem ich etwas über diese Verbrechen gelesen hatte, dachte ich, aus dem Stoff könnte man eine großartige Geschichte machen. Und da die Story und der Ort der Handlung nicht zu trennen waren, weil es ja um eine Gesellschaft ging, in der es keine Kriminalität geben durfte, kam es mir nie in den Sinn, die Ereignisse an einen anderen Ort zu verlegen. Also stand der Schauplatz in dem Moment fest, als ich mich für die Geschichte entschieden hatte. Mich interessieren Regierungsformen, in denen man den Leuten einredet, dass sich die Dinge anders verhalten, als sie tatsächlich sind. In einem totalitären Regime kann man den Leuten beispielsweise erzählen, es gäbe keine Kriminalität, obwohl sie existiert. Man kann ihnen sagen, wie sie sich zu benehmen haben – man schreibt einfach die Regeln neu. Außerdem ist es interessant, sich vorzustellen, wie man sich selbst in so einem Regime verhalten würde. Das war für mich eine große Herausforderung.

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Wie haben Sie da überhaupt recherchiert?

Reisen ist sehr wichtig. Ich bin nach Budapest, Moskau, St. Petersburg und New York gefahren – zu allen Schauplätzen bis auf Afghanistan. Aber noch wichtiger waren die Bücher, die ich gelesen habe. Besonders die Tagebücher, in denen Menschen ihr ganzes Leben niedergeschrieben haben, ohne zu ahnen, dass ihre Aufzeichnungen einmal veröffentlicht würden. Diese Aufzeichnungen waren wirklich ungeheuer aufschlussreich. Sie wurden von der Geheimpolizei beschlagnahmt, dann fünfzig Jahre aufbewahrt und jetzt freigegeben. Da bekommt man wirklich einen Einblick in die damaligen Lebensumstände und sieht, wie sich die ganz normalen Leute gefühlt haben. Natürlich gibt es auch jede Menge Werke über die großen historischen Figuren wie Stalin und die Leute, mit denen er zusammengearbeitet hat. Diese Bücher waren hilfreich, um die historischen Zusammenhänge zu verstehen. Aber ich wollte vor allem ein Gefühl dafür bekommen, was der Durchschnittsbürger erlebt hat, weil ich ja über ihn schreiben wollte und nicht über die Leute an der Spitze.

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Und das waren Tagebücher von Menschen, die in die Gulags geschickt oder hingerichtet wurden?

Menschen, die in Moskau gelebt haben, die in die Gulags geschickt wurden – Menschen, die verhaftet wurden und deren Tagebücher bei der Verhaftung beschlagnahmt wurden. In manchen kann man sogar noch die Anmerkungen der Geheimpolizei lesen. Man hat alles unterstrichen, was man für anti-sowjetisch hielt. Und das ist mitunter bizarr. Man liest beispielsweise das Tagebuch eines 13-jährigen Mädchens, das sich unglücklich in einen Jungen an seiner der Schule verliebt und deswegen deprimiert ist. Das hat die Geheimpolizei zwar an sich nicht interessiert, aber das Eingeständnis, deprimiert zu sein, wurde unterstrichen, weil das „anti“ war. Warum bist du deprimiert, wenn nicht wegen des Regimes? Also wird ein armes 13-jähriges Mädchen verhaftet und in einen Gulag geschickt. Und man kann heute ihre geheimsten Gedanken lesen, die sehr nachvollziehbar sind und sehr normal. Da gibt es keinen Unterschied zu einem Mädchen, das heute in London lebt. Es ist schon eine gespenstische Fügung des Schicksals, dass die Geheimpolizei so bürokratisch gearbeitet hat, dass sie so viel Papier aufbewahrt hat und wir nun dieses riesige Archiv haben. Heute ist man in Moskau sehr zurückhaltend mit der Freigabe, aber kurz nach dem Untergang des Kommunismus bekam man für eine Weile sehr einfach Zugang zu diesen Unterlagen. Einige wurden sogar als Buch herausgegeben.

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Die Nazis haben auch alles aufgehoben.

Totalitäre Regime lieben Akten. Ich habe eine Zeitlang in Kambodscha gelebt, und die Roten Khmer hatten riesige Bücher mit Querverweisen. Diese schreckliche Obsession mit Namen und Nummern – ich weiß nicht, was das ist. Oder doch: Ich denke, es geht darum, Menschen auf Statistiken zu reduzieren, auf Formulare. Wer so denken kann, dem kann man auch eine Liste mit Namen in die Hand drücken und die Genannten zur Hinrichtung führen lassen, ohne dass er darüber nachdenkt, dass es hier um Menschen geht, um Familien. Es sind dann einfach sechzig Namen – nimm sie und geh.

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Warum haben Sie Leo zu einem dieser Geheimpolizisten, zu einem KGB-Agenten gemacht?

Weil mir die Idee eines Ermittlers gefiel, der in erster Linie Unschuldige verhaftet und dafür reich belohnt wird. Er bekommt eine große Wohnung, er darf in speziellen Läden einkaufen. Und dann wird er mit einem echten, wirklich grausamen Verbrecher konfrontiert und beschließt, diesen zu verfolgen. Und weil er das tut, wird er selbst zum Verbrecher. Das ist ein ungeheuerlicher und faszinierender Widerspruch – reich dafür belohnt zu werden, dass man Unschuldige jagt, um dann zu erfahren, dass es die Karriere ruiniert, wenn man jemanden verhaftet, der sich tatsächlich schuldig gemacht hat. Wäre Leo bei der Miliz, also der regulären russischen Polizei, wäre es viel schwieriger gewesen, diese Entwicklung aufzuzeigen, weil die Miliz durchaus auch Nützliches geleistet hat. Sie hat sich um Betrunkene gekümmert, um häusliche Gewalt und eine Menge anderer wichtiger Dinge. Wohingegen die politische Polizei mit Verbrechen befasst war, die man heute nur noch schwer als solche begreifen kann. Weil es nicht um richtige Verbrechen ging, sondern um vom System abweichende Meinungen.

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Was für ein Mensch ist Leo?

Ein ernster. Allerdings ist er im Grunde Optimist, denn er hat etwas, woran er glauben kann. Ohne das kann er nicht leben. Deshalb muss er, als er den Glauben an den Staat verliert, diese Leidenschaft durch etwas anderes ersetzen. Und das findet er in Raisa. Er muss plötzlich seine Gefühle übertragen, also ersetzt er den Staat durch eine Person. Als Mensch braucht er einfach eine feste Glaubensstruktur. Die kann sich um seine Familie oder um den Staat drehen. Im Gegensatz zu Raisa ist er weder witzig noch ein sonderlich gesprächiger Mensch, der viele kluge Dinge sagt. Er ist sehr direkt. Und ich denke, er ist auch ziemlich bodenständig.

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Gibt es irgendein Vorbild für Leo?

Na ja, ich denke, wir können uns alle mit dem Gedanken identifizieren, sehr intensiv an etwas zu glauben. Dieser Glaube verleitet uns, Dinge zu tun, die uns kompromittieren – und hier wird es für mich interessant, auch wenn ich selbst noch nie in dieser Situation war. Aber ich fand es schon immer spannend, wenn überbordender Optimismus zu etwas Destruktivem wird. Oder zu etwas, das die ursprünglich gute Absicht in ihr Gegenteil verkehrt. Daraus ergibt sich eine Entwicklung für eine Figur. Das macht sie menschlicher als jemanden, der einfach perfekt ist. Ein fehlerloser Charakter ist nicht sehr interessant. Der Zweifel, die Scham, die Dunkelheit, gegen die jemand ankämpfen muss, das macht ihn faszinierend.

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Leo wäre gerne gut, aber das ist nicht möglich.

Leo glaubt ja wirklich, dass es möglich ist, den perfekten Staat zu schaffen – einen ohne Kriminalität, in dem alle Menschen gleich sind. Er glaubt an dieses Ideal. Das Problem ist: Er glaubt so sehr daran, dass er bereit ist, Schreckliches zu tun, um diese Perfektion zu erreichen. Für mich ist das eine sehr interessante Gleichung – sich einzureden, dass etwas Schlechtes am Ende viel Gutes bewirkt. Es ist einfach die question, wie viel Böses man tun muss, um dieses perfekte Leben zu schaffen. Und am Ende geht es nur noch um das Böse, nicht mehr um den Traum. Dann stellt sich die question, wie man das wertet, um für sich die Balance zu wahren. Leo muss diese Rechnung aufmachen, weil er dieses Phantasiebild einer Gesellschaft, die sich zum Paradies entwickelt, braucht. Zum Schluss wird er irgendwann merken, dass er einem Mythos hinterherrennt und etwas sucht, das nicht real ist. Und dass er sich auf die Dinge konzentrieren muss, die ihn in diesem Augenblick umgeben. Das ist natürlich die Familie und in „Kind 44“ auch die Mordermittlung.

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Und die schrecklichen Dinge, die er getan hat, die bleiben?

Ich denke, er ringt mit ihnen. Durch alle drei Bücher hofft er noch, sich von diesen Taten reinwaschen zu können. Dass seine Vergangenheit gelöscht werden kann, wenn er jemanden rettet oder jemand sich in ihn verliebt, oder wenn er die Mädchen adoptiert. Am Ende des dritten Buches erkennt er dann, dass das nicht stimmt. Dass er seine Taten nicht loswird, dass sie ihn immer begleiten werden. Ich glaube, er begreift auch, dass das richtig ist und er es akzeptieren muss. Und ich glaube, er kann sich zum Schluss damit abfinden, dass seine Versuche, sein Gewissen zu erleichtern, naiv sind, eine Illusion. Und dass er, wenn er diesen Teil von sich selbst annimmt, sogar einen gewissen Grad an Zufriedenheit finden kann.

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Seine Frau kann diesen Teil von ihm aber niemals akzeptieren.

Ich denke, irgendwie akzeptiert sie es schon. Sie weiß ja, was er getan hat, und bleibt trotzdem bei ihm. Sie würde es allerdings nicht akzeptieren, wenn er seine Fehler wiederholen würde. Das ist für mich das Spannende an ihrer Beziehung. Würde Raisa sagen, sie könne Leo nicht lieben, weil er schreckliche Schuld auf sich geladen hat, würde auch die Spannung verlorengehen. Es wäre das Ende ihrer Beziehung, die beiden müssten sich trennen. Interessant wird es nur dann, wenn sie sagt: „Du hast zwar schwere Schuld auf dich geladen, aber in dieser Zeit mussten wir alle Zugeständnisse machen.“ Sie selbst musste das ja auch, das ist ihr bewusst. Sie ist schließlich eine kluge Frau und begreift sich selbst als Teil dieser Gesellschaft. Man kann sicher argumentieren, dass die Ehe mit Leo für Raisa ein taktischer Schachzug war, Teil ihrer Überlebensstrategie. Sie achtet auch sehr darauf, was sie als Lehrerin an ihrer Schule sagt. Sie spielt ein Überlebensspiel und könnte argumentieren, dass Leo das auf eine viel extremere Art auch tut. Sie hat nie jemanden getötet oder verhaftet, aber beide waren gezwungen, Kompromisse einzugehen. Ich glaube, für Raisa war es am schlimmsten, dass Leo sich seine Taten nicht bewusst machte. Sie hasste seine Blindheit. Als Leo in „Kind 44“ allmählich begreift, was er tut, und es bereut, kann sie anfangen, etwas Menschliches in ihm zu sehen. Aber, das ist richtig, sie kann ihm seine Verbrechen niemals vergeben. Sie sieht allerdings, dass er sich verändert.

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Der Unterschied ist also, dass er an die Sache glaubt, sie aber nicht?

Sie hat nie geglaubt. Leo war der Idealist. Sie stand allem immer viel zynischer gegenüber. Dieser schreckliche Krieg, in dem ihre ganze Familie umkam, machte sie zu einem kritischen Geist. Sie ist eine echte Außenseiterin. Sie ist sehr witzig, und ich stelle sie mir auch als ziemlich schlagfertig vor. Wohingegen Leo sehr ernst ist. Sie sind also ziemlich verschieden. Aber als Team arbeiten sie sehr gut zusammen, gerade weil sie so unterschiedliche Stärken haben.

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Von „Kind 44“ bis „Agent 6“ verändert Leo sich ja sehr stark. Zum Guten oder zum Schlechten?

Im letzten Buch ist Leo ja viel älter, und er lässt es etwas langsamer angehen. In „Agent 6“ hat er fast alles verloren und muss sich die question stellen, wo sein Platz in der Welt ist. „Agent 6“ ist in vieler Hinsicht ein nachdenklicher Roman. Auch weil Leo selbst sich über vieles Gedanken macht. In „Kind 44“ stellt er sich eigentlich gar keine questionn, weil ihm klar ist, dass die answeren ziemlich unangenehm wären. Er agiert sehr zielgerichtet, fast wie programmiert. Dass er den Mörder finden will, ist dann sein erster Schritt, gewisse Dinge zu hinterquestionn und über die Welt nachzudenken. In „Agent 6“ tut er das ununterbrochen. Außerdem ist er am Ende erheblich älter, hat viel mehr von der Welt gesehen und auch etwas von Raisas Zynismus übernommen. Er steht dem russischen Regime und seiner Rolle in Afghanistan sehr kritisch gegenüber. Der Leo aus „Kind 44“ hätte gesagt: „Wir schaffen uns eine neue Welt, wir bauen Schulen, wir brechen den Widerstand.“ In „Agent 6“ glaubt er das keine Sekunde. Und das ist ein riesiger Unterschied.

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Er hätte auch nie daran gedacht, jemanden laufen zu lassen, wie er es in Afghanistan dann tut.

Nein, das ist wahr. Im entscheidenden Moment denkt er an Raisa und ist sich bewusst, dass er den Job zwar machen kann, aber nicht mehr so wie früher. Das ist eine große Veränderung. Außerdem ist er nun eine Art Ausbilder und muss beobachten, wie andere genau die Fehler begehen, die er als junger Mann begangen hat. Und er kann nichts dagegen tun. Es ist, als würde sich die Geschichte wiederholen. Da gibt es diese neu gebildete Polizei in Afghanistan, aber obwohl dieses Land weit von der Sowjetunion entfernt ist, seine ganz eigene Kultur hat und die Zeit eine völlig andere ist, machen die Menschen dieselben Fehler. Die Barbarei und die Grausamkeit sind dieselben wie beim KGB. Das ist gespenstisch für Leo – als sähe er seinem jüngeren Selbst zu.

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Würden Sie sagen, dass Leo ein tragischer Held ist?

Ich habe mit dem Begriff „tragisch“ ein Problem, seit ich an der Uni eine Arbeit über Tragödien geschrieben habe. Es ging um verschiedene Definitionen dessen, was eine Tragödie ausmacht. Und auch wenn ich mich jetzt nicht mehr an sie erinnere, komme ich bei dem Begriff immer ins Schleudern. Es ist gut möglich, dass Leo ein tragischer Held ist, bis zu einem bestimmten Grad zumindest. Vielleicht liegt schon eine gewisse Tragik darin, dass jemand ein so trauriges Ende als verdient empfindet. Vielleicht ist das sogar die Definition eines tragischen Helden: dass einem ein glückliches Ende für ihn falsch vorkäme. Die meisten Helden bekommen am Ende, wonach sie gestrebt haben. Und das macht sie glücklich. Bei Leo ist das nicht der Fall.

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Spricht Leo mit Ihnen, während Sie schreiben?

Nein, ich glaube nicht. Ich glaube auch nicht, dass Leo mich mögen würde oder viel Interesse an mir hätte. Ich selbst mag Leo auch nur, weil ich weiß, wer er ist. Ich habe keine Ahnung, was ich von ihm halten würde, wenn ich ihn irgendwo treffen würde. Jemandem wie ihm muss man sehr nahe stehen, um ihn zu kennen. Er ist sehr leidenschaftlich, was seine Familie betrifft und Leute, die zu seinem engsten Umfeld gehören. Als Leser kommt man ebenfalls nahe an ihn heran und wird damit in eine sehr exklusive Gruppe, gewissermaßen in seine Familie aufgenommen. Leo selbst ist nicht gerade ein Meister der Worte, er ist auch niemand, der einem beim Abendessen stundenlang sein Leben erzählen oder sein Herz ausschütten würde. Er würde wahrscheinlich nur ein paar Worte mit einem wechseln oder sich auf sehr sachlicher Ebene mit jemandem unterhalten, aber sich nie emotional öffnen. Ich glaube, für den Leser ist es interessant, sich jemandem anschließen zu können, der damit kämpft, Anschluss zu finden. Das gefällt mir an Romanen – dass man Leute kennenlernt, die eigentlich nicht „kennenlernbar“ sind.

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Sie sagen, Leo würde sich nicht für Sie interessieren. Viele Autoren sagen, ihre Helden sprechen mit ihnen. Und Sie, als Leos Schöpfer, sind sehr grausam zu ihm. Er ist schon ein sehr unglücklicher Mensch – ich hätte mir gut vorstellen können, dass er Sie ab und an anfleht, ihn laufenzulassen.

Da muss ich nachdenken – bin ich grausam? Die Grundlage des Dramas ist, dass man einen Gegensatz braucht. Also muss man Charaktere schaffen, die man liebt, und muss sie leiden lassen. Und es ist diese Mischung aus Liebe und Leiden, die man richtig hinbekommen muss. Das ist ein Drahtseilakt. Die Balance muss genau stimmen, sonst verschiebt sich das Gewicht zu stark nach einer Seite. Bei einem Übermaß an Liebe oder einem Mangel an Konflikten, fehlt einem Buch die Spannung. Wenn man zu viel Leiden erwischt, fehlen die Liebe und die Wärme, und der Roman wird zu düster. Das ist schwer auszutarieren. Ich glaube, Leo bekommt, was er verdient. Wenn man bedenkt, was er getan hat, wird ihm doch auch viel Positives geschenkt. Ich glaube nicht, dass seine Welt unerträglich ist. (O21)

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Sie erzählen ihm also genau wie Raisa, dass er leiden muss, weil er sich die Hände schmutzig gemacht hat?

Irgendwie schon. Andererseits, was hätte es für einen Sinn, über eine Person zu schreiben, die Entsetzliches getan hat, wenn man ihr diese Bürde nicht ließe, wenn diese Taten irgendwann nebensächlich würden. Grundsätzlich ist es sehr schwer, über jemanden zu schreiben, der so schreckliche Dinge getan hat. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Familie betroffen gewesen wäre – wie wäre ich dann mit Leo umgegangen? Wäre ich noch grausamer zu ihm gewesen? Ich weiß es nicht. Ob die Balance stimmt, ob Leo mehr Dunkelheit oder mehr Licht gebraucht hätte, das sollen andere Leute beurteilen. Über das Ende von „Agent 6“ kann man sicher streiten. Einige Verleger haben mich gebeten, Leo doch einen kleinen Lichtblick zu gestatten. Und mein japanischer Verleger fand auch, dass ich grausam zu meinen Figuren bin. Ich hatte sogar ein anderes Ende geschrieben, das etwas versöhnlicher war. Aber irgendwie hat es nicht funktioniert. Also habe ich es wieder gestrichen. Aber mein japanischer Verleger wollte es haben.

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Heißt das, es gibt in Japan eine andere Version von „Agent 6“?

Nein, es ist dieselbe Version. Aber er hat versucht die anderen Verleger zu überzeugen, es zu ändern.

Also gibt es für Leo keine Zukunft?

Ich glaube nicht. Aus zwei Gründen. Erstens – mir gefällt dieses Ende. Es ist auch der richtige Ort, um die Geschichte abzuschließen. Zweitens kann ich mir nicht vorstellen, noch einen weiteren Roman über Leo zu schreiben. Mit dem dritten Buch hätte ich ziemlich gehadert, wenn es nicht das Ende seiner Geschichte gewesen wäre. Das Aufregendste war für mich, überhaupt eine abschließende Story zu finden, in der alles zusammengeführt wird. Diese Arbeit habe ich richtig genossen. Würde man mich bitten, einen vierten Roman über Leo zu schreiben, wo sollte ich da anfangen? Ich habe seine Geschichte zu Ende erzählt und kann nach diesem Abschluss nicht wieder ganz neu beginnen. Ich bin zu 99,9 Prozent sicher, dass es keinen Leo-Demidow-Roman mehr geben wird. Außerdem setzt die Geschichte von „Agent 6“ chronologisch schon vor „Kind 44“ ein. Daher kann ich auch nicht plötzlich in der Zeit zurückgehen und eine Geschichte erzählen, die früher spielt.

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Gibt es eigentlich ein reales Vorbild für Jesse Austin?

Ja, Paul Robeson, ein amerikanischer Sänger und Schauspieler, der auch Moskau besucht hat. Er war sehr berühmt und hat eine Menge Geld verdient. Dann wurde seine Karriere zerstört, weil er Kommunist war. Wenn man seine Reden und seine Texte liest, zeigt sich ein wunderbarer, warmherziger Mensch, der wirklich an das Prinzip der Gleichheit und an eine bessere Gesellschaft glaubt, der sich gegen Vorurteile und für mehr Toleranz einsetzt. Eine wirklich inspirierende Figur. Dann wurde er vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe verhört. Man hat ihm gesagt: „Wussten Sie, dass es in Stalins Russland Gulags gegeben hat, in denen unzählige Menschen gestorben sind?“ Und Robeson sagte: „Die haben es verdient zu sterben, weil es Faschisten waren.“ Er war schlicht verblendet. Robeson sah einfach nicht, dass sein Traum von einer besseren Gesellschaft auf verschiedenen Mythen basierte. Auf seltsame Art ähnelt er damit Leo, und das fand ich sehr interessant. Die question, wie ich jemanden so bewundern und gleichzeitig so anderer Meinung sein kann, hat auch den Roman inspiriert.

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Aber das Komitee war ja auch nicht viel besser...

Das war das zweite, was mich beim Schreiben von „Agent 6“ interessierte: Warum man selbst so wird wie das Regime, das man ablehnt. Das ist ja auch das Paradoxe am FBI: Dessen anti-kommunistische Maßnahmen haben den Anti-Kommunismus sehr effektiv in Verruf gebracht. Das FBI hat sich hier einen ziemlichen Bärendienst erwiesen. Tatsache ist, dass Amerika ohnehin sehr schwer zu unterwandern war – Amerikaner interessieren sich einfach nicht für den Kommunismus. Die question, ob der KGB überhaupt versucht hat, Leute einzuschleusen, wurde durch diese riesige Hexenjagd noch viel schwerer zu beansweren. Das hat die ganze Sache in Verruf gebracht, und tatsächlich waren die Aktionen ein Desaster. Beim KGB war man begeistert über die FBI-Umtriebe. In der Sowjetunion hat man gesehen, dass dieser internationale Rundumschlag eine anti-kommunistische Haltung eher ins Lächerliche zog, sie zur skurrilen Besessenheit machte. Während man gleichzeitig sehr wohl damit beschäftigt war, die Länder in ganz Westeuropa zu infiltrieren. Da waren die Aktionen des FBI eine nützliche Deckung.

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Wenn also der Stalinismus und der amerikanische Anti-Kommunismus als eine Art Spiegelbild zu verstehen sind, sind dann auch Leo und der FBI-Agent Jim Yates so etwas wie Spiegelbilder?

Ja, sie haben schon viel gemeinsam. Beide sind wirklich davon überzeugt, das Richtige zu tun. Meine größte Herausforderung bei Agent Jimmy Yates war herauszufinden, was ich an ihm mochte. Darüber zu schreiben, was mir an ihm nicht gefiel, war ganz leicht. Ich muss zu jeder meiner Figuren einen Zugang finden, irgendetwas, das ich an ihr mag, egal wie unsympathisch sie ist. Romanfiguren können sich nicht verteidigen. Man kann sie hässlich machen und Witze über ihr Aussehen reißen, man kann sie auf die unterschiedlichste Art dumm aussehen lassen. Und sie können nichts dagegen tun. Das ist irgendwie unfair. Wenn mir als Leser so etwas auffällt, fange ich automatisch an, ein Art Alternativbild zur Beschreibung des Autors zu entwickeln. Das lenkt sehr vom Buch ab. Deshalb muss man immer darauf achten, dass auch problematische Figuren etwas Sympathisches haben. Wenn es da gar nichts gibt, ist es auch keine gute Figur.

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Und was ist nun das Sympathische an Jim Yates?

Das ist jetzt schon schwieriger – was gefällt mir an ihm? Ich glaube ich mag an Jim Yates, dass er besessen davon ist, das amerikanische Ideal zu formen. Und dass er das auch auf seine Frau überträgt. Die hat ganz offensichtlich ein erhebliches psychisches Problem. Yates hat nicht die intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten, es zu lösen. Vielleicht kann es auch gar nicht gelöst werden. Deswegen beschließt er, ihr absolut treu ergeben zu sein und für sie alles zu tun, was er kann. Irgendwie versucht er immer noch, die perfekte Familie zu formen. Scheidung kommt für ihn nicht in question, er findet den Gedanken abstoßend – das würde die perfekte Welt, die er aufbauen möchte, völlig zerstören. Auf seine Art versucht er, einen Mythos zu schaffen – so wie Leo, Paul Robeson und viele andere Figuren in dem Roman. Statt sich mit der Welt auseinanderzusetzen, versuchen sie, eine ideale Version von ihr zu schaffen. Yates ist nicht zynisch, weder als Mensch noch in seiner Tätigkeit als Agent – anders als es wohl die meisten seiner Kollegen beim FBI oder auch beim KGB waren. Ich glaube, er ist ein Träumer.

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Ich habe ihn nicht als Träumer gesehen, und eigentlich finde ich ihn ziemlich zynisch …

Er ist kein netter Mensch, das ist schon richtig. Er ist ein Bösewicht. Und er ist ohne Zweifel der große Bösewicht des Buches. Er macht nicht die Entwicklung durch, die Leo durchgemacht hat, weil er nicht begreift, dass man das ist, was man tut – nicht das, woran man glaubt. Und nur, weil er an das ideale Amerika glaubt, löscht das nicht seine Verbrechen aus. Das hat Leo schon in „Kind 44“ begriffen. Hier liegt der große Unterschied zwischen den beiden. Wenn man sagt, jemand sei ein Träumer, klingt das immer wie ein Kompliment. Ich überprüfe immer den Kontext, bevor ich so eine Aussage einordne. Weil diese Leute extrem gefährlich sein können, weil sie mit ihrem Traum alles rechtfertigen können. Yates rechtfertigt auch alles und stellt seine Vision nie in question. Sogar als er am Ende des Romans zur Rede gestellt wird und alles ans Licht kommt, erklärt Yates, er würde immer wieder so handeln. Diese Einstellung ist das genaue Gegenteil zu der von Leo. Weil Leo besser als jeder andere weiß, dass man begangenes Unrecht nie wiedergutmachen kann. Jim Yates gibt nicht einmal zu, dass es Unrecht war. Das ist schrecklich, und es ist auch das Erschreckende an Jim Yates. Seine Handlungen sind zynisch, aber es geht ihm nicht um Macht. Seine Aktionen und Ambitionen sind Ausdruck echten Glaubens an ein Ideal. Wenn es ihm damit nicht ernst wäre, wäre er ein ganz anderer Mensch. Er wäre dann einfach Nihilist. Und das ist er nicht.

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Das wäre dann eher Mikael Iwanow?

Mit dieser Figur habe ich mich nicht so ausführlich beschäftigt wie mit Yates. Gut möglich, dass er tatsächlich zynisch ist und nicht auf dieselbe Weise an Ideale glaubt. Vielleicht ist er einfach ein Karrierist. Es gibt jede Menge Karrieristen, in jedem Land und jedem Regime. Über solche Leute zu schreiben, fällt mir schwerer als über die Träumer. Weil sie durch und durch zynisch sind. Sie würden in einem faschistischen Regime aufsteigen oder in einem kommunistischen und in einer Demokratie auch. Der Hintergrund ist ihnen völlig egal, sie tun immer genau das, was für ihren Aufstieg nötig ist.

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Von Leo werden wir also nicht mehr lesen – aber arbeiten Sie schon an einem neuen Buch?

Ja, es ist ein Thriller. Aber er spielt in der Gegenwart, und es wird eine Ich-Erzählung. Es ist also ein ganz anderes Buch. Und es ist völlig anders als alle Thriller, die Sie je gelesen haben. Das macht die Arbeit daran ziemlich nervenaufreibend, weil dieser Roman entweder großartig oder ganz furchtbar wird. Aber gerade dieses Gefühl der Ungewissheit gefällt mir auch daran.

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Interview von Erla Bartmann