EIN NEUER TOM ROB SMITH

Vom Schreibtisch zum ganz großen Kino

Bestsellerautor Tom Rob Smith zur Verfilmung seines Debütromans “Kind 44” – Deutscher Filmstart 4. Juni 2015

Als Sie seinerzeit mit den Recherchen für KIND 44 begannen, dachten Sie zunächst an ein Drehbuch. Dann merkten Sie, dass das Material für einen ganzen Roman reichte. Nun ist nach dem Riesenerfolg des Romans aus KIND 44 doch noch ein Drehbuch und zuletzt ein großer Kinofilm geworden. Da schließt sich also ein Kreis …

Das ist eine interessante Beobachtung. Wenn Sie an einer Geschichte arbeiten, kommen Sie irgendwann an den Punkt, an dem Sie sich fragen: Was für eine Art Geschichte ist das? Ist es ein Film, ein Buch, eine Kurzgeschichte, ein Theaterstück? Bei KIND 44 hatte ich gleich das Gefühl, dass der Stoff mit seiner Dramatik für das Kino wie geschaffen wäre. Um den Grundkonflikt in KIND 44 zu verstehen, muss man allerdings sehr viel über die Stalinzeit wissen. Also habe ich angefangen, ausführlich zu recherchieren und mich dann dafür entschieden, die Geschichte in Form eines Romans zu erzählen. Außerdem gab es eine ganz praktische Überlegung: Ich war als Autor damals vor acht Jahren komplett unbekannt, und ein Drehbuch über Russland anzubieten, wäre ein schwieriges Unterfangen gewesen. Dagegen hatte ich mit einem Roman die Möglichkeit zu testen, ob die Geschichte überhaupt umsetzbar ist. Man braucht keinen Regisseur, keine Schauspieler, man muss kein Geld für eine Filmfinanzierung zusammensuchen. Man schreibt einfach das Buch, und es funktioniert – oder eben nicht.

Vor einigen Wochen war die Weltpremiere von KIND 44 in London. Wie haben Sie den Abend erlebt?

Das war eine Mischung aus Aufgeregtheit und dem Gefühl der Irrealität. Diese Menschenmenge, die darauf wartet, ihre großen Stars zu sehen, der ganze Aufwand, die Scheinwerfer, die Aufmerksamkeit der Leute – dieser Moment war so völlig anders als mein Alltag als Schriftsteller. Normalerweise trifft man da nämlich nicht so viele Menschen auf einmal, sondern recherchiert im Stillen und verbringt eine Menge Zeit in Buchhandlungen.

Haben Sie es genossen?

Einen Tag lang ist so etwas wunderbar, weil es ja eine komplett neue Erfahrung ist. Aber das dauernd zu haben? Eher nicht. Das Besondere für mich war, dass hier eine Reise von acht Jahren ihr gutes Ende gefunden hat. So lange hat die Arbeit bis zum fertigen Film nämlich gedauert. Und das zu feiern, war großartig!

Warum hat es acht Jahre gedauert, aus dem Buch einen Film zu machen?

Diese acht Jahre klingen natürlich erst einmal sehr lang, aber wenn Sie sich mit Leuten aus der Filmbranche unterhalten, ist so ein Zeitraum eher normal. Der Entwicklungsprozess, durch den aus einem Buch ein Film entsteht, ist sehr langwierig. Es müssen sehr viele Elemente zusammenkommen, und wenn nur eines ausfällt – wenn beispielsweise ein Schauspieler oder ein Koproduzent aussteigt – dann fängt man wieder komplett von vorne an. Bei manchen Filmen dauert die Umsetzung zwanzig Jahre. Ich bin jedenfalls glücklich und auch ein bisschen stolz, dass aus meinem ersten Buch jetzt ein Film geworden ist!

Sind Sie zufrieden mit dem Resultat, dem Film KIND 44?

Ich finde die Besetzung absolut stimmig und großartig. Ich hätte nicht gedacht, dass es Schauspieler geben könnte, die das Verhältnis zwischen Leo und Raisa so überzeugend darstellen wie Tom Hardy und Noomi Rapace. Die Chemie zwischen den beiden stimmt einfach perfekt. Ich glaube ihr am Anfang wirklich, dass sie Angst vor Leo hat, und ich glaube beiden, dass sie auf eine Reise gehen, die schließlich in ihre Liebe mündet. Die beiden haben eine sehr starke Beziehung, und die Liebesgeschichte ist im Film sehr glaubwürdig umgesetzt. Außerdem passen die ausgewählten Drehorte und die Ausstattung. Ja, ich bin sehr glücklich mit diesem Film.

Lassen Sie uns von der Besetzung sprechen: Tom Hardy und Noomi Rapace – haben Sie sich Leo und Raisa so in etwa vorgestellt?

Nein, so funktioniert das bei mir nicht. Wenn ich Figuren erfinde, dann konzentriere ich mich auf ihre Persönlichkeit, auf ihre Emotionen. Ich beschreibe ihr Aussehen im Buch nur selten, außer es ist von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Geschichte. Ich lasse in meinen Romanen der Fantasie des Lesers genügend Raum. Wenn ich Raisa als jemanden charakterisiere, der Angst vor der eigenen Schönheit hat, weil sie Aufmerksamkeit hervorruft und Aufmerksamkeit in dieser Gesellschaft gefährlich ist, dann finde ich das besser, als ihre Haarfarbe oder Frisur zu beschreiben. Das regt die Fantasie des Lesers doch viel mehr an als eine konkrete Definition ihres Äußeren.

Eine britische Legende hat den Film produziert: Ridley Scott. Haben Sie ihn getroffen – und warum hat er den Film nicht selbst gedreht?

Ja, ich habe ihn ein Mal getroffen, vor etwa acht Jahren in einem Café in Soho. Plötzlich sitze ich dem Mann gegenüber, der all diese großen Filme wie GLADIATOR oder ALIEN gedreht hat. Er hat einige meiner persönlichen Lieblingsfilme gemacht, und einige der besten Filme aller Zeiten. Als wir uns damals trafen, war das Buch noch gar nicht geschrieben, es gab nur ein Treatment von wenigen Seiten. Und dann saß mir diese Legende gegenüber und sprach bereits über die Bilder, in die man die wenigen vorliegenden Seiten übersetzen könnte. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass mein Buch zu leben begann. Es war ein magischer, sehr besonderer Moment für mich. Warum er den Film nicht selbst gedreht hat? Ich glaube am Anfang wollte er Regie führen und hoffte auf ein großes Budget. Aber die Kosten wurden im Vorfeld heruntergeschraubt, und so wurde es am Ende auch ein etwas anderer Film. Ich denke, deswegen hat Ridley Scott die Regie abgegeben.

Das Drehbuch zu KIND 44 hat Richard Price geschrieben. Warum nicht Sie selbst? Es ist schließlich Ihr Roman, und Erfahrung als Drehbuchautor hatten Sie ja auch schon.

Das ist eine gute Frage. Käme man mit dem Vorschlag heute auf mich zu, würde ich das Drehbuch tatsächlich selbst verfassen. Aber damals existierte das Buch ja nur als Treatment, und ich war ein unbekannter Schriftsteller, der als Drehbuchautor bislang nur für britische TV-Serien geschrieben hatte. Eine interessante Arbeit, aber viel Prestige bringt einem das nicht. Für einen Film mit großem Budget wollte die Produktion lieber einen etablierten Drehbuchautor. Dann habe ich zweieinhalb Jahre an dem Roman gearbeitet, und nach seinem Erscheinen folgten die ganzen internationalen Lesereisen. Ich hatte pausenlos zu tun. Irgendwie stellte sich nie wieder die Frage, ob ich nicht doch das Drehbuch schreiben sollte. Aber heute würde ich es definitiv anders machen und mein eigenes Material immer selbst für eine Verfilmung adaptieren.

Wie sehr waren Sie in den Produktionsprozess involviert?

In den kreativen Prozess war ich gar nicht einbezogen. Aber ich war zwei Mal zu Dreharbeiten in Prag eingeladen, um dem Team bei der Arbeit ein wenig über die Schulter zu schauen. Es wurden zwei große Szenen gedreht: die Erstürmung des Berliner Reichstags und die Szenen im Wald gegen Ende des Films. Das Set in der Realität zu sehen, war eine tolle Erfahrung. Der Regisseur Daniel Espinosa hat einen erstaunlichen Blick für gute Drehorte. Er hat viele ehemalige kommunistische Gebäude gefunden, die die Stimmung der Zeit perfekt wiedergeben. Das meiste ist wirklich bei Außendrehs gefilmt worden, ich glaube, es gab nur ein großes Studioset.

Haben Sie nun nach den Dreharbeiten von KIND 44 Blut geleckt? Anders gefragt: Werden Sie künftig mehr fürs Kino arbeiten?

Ich fand diesen Einblick in die Entstehung eines Kinofilms faszinierend – zu sehen, was für eine riesige Maschinerie da in Gang gesetzt wird und wie viel künstlerisches Talent in eine Produktion einfließt, das oft gar nicht gesehen wird: vom Beleuchter über die Setdesigner bis zum Make-up. Einen eigenen Film werde ich sicher nicht inszenieren, aber ich werde mehr für den Film schreiben. Gerade habe ich für die BBC die Serie LONDON SPY entwickelt und war dabei auch sehr in die Produktion involviert. Das hat mir großen Spaß gemacht.

Interessanterweise sind kaum Russen bei KIND 44 dabei. Tom Hardy ist Brite, Noomi Rapace kommt aus Schweden, Gary Oldman ist Amerikaner. Natürlich braucht ein Film Stars, aber ist das nicht etwas eigenartig?

Einen Film zu besetzen, ist immer ein heikles Unterfangen. Und es gab noch die zusätzliche Schwierigkeit, dass man nur sehr schwer russische Schauspieler bekommt, wenn man nicht in selbst Russland dreht. Tatsächlich hätten auch alle gerne eine Woche in Moskau gedreht, aber es wurden uns so viele Steine in den Weg gelegt, dass die Produzenten die Idee fallen gelassen haben. Und jetzt ist der Film in Russland auch noch verboten worden! Aber Sie haben recht, es ist schade. Es wäre schön gewesen, mehr in Russland und mit russischen Schauspielern zu drehen, auch um deren Innensicht auf das Land zu erhalten. Aber das war eben nicht möglich.

KIND 44 wird in Russland nicht gezeigt, angeblich weil der Film historische Fakten verdrehen würde, speziell in Bezug auf Russlands Rolle im Zweiten Weltkrieg. Können Sie das verstehen?

Nein, überhaupt nicht. Ich schreibe ganz klar in KIND 44, dass Russland eine wichtige Rolle im Zweiten Weltkrieg gespielt hat. Leo ist ein Kriegsheld und Romantiker, er glaubt an sein Land, und ich zeige auch seine Gründe dafür. Vielleicht macht der Film das nicht so deutlich wie der Roman. Aber egal: Das Buch ist in Russland erschienen, aber der Film wird dort nicht zu sehen sein. Das liegt meiner Meinung daran, dass ein Film einen größeren Einfluss hat, er besitzt mehr Macht. Ein Buch lesen ein paar Tausend Leute, einen Film sehen ein paar Millionen, wenn er gut ist. Ich glaube, die Russen haben sich besonders an der Stelle mit dem Schwulen gestört, der verhaftet wird. Darüber hat der Kulturminister einige sehr befremdende Bemerkungen gemacht. Ich habe das auch auf Twitter gemerkt. Dort wurden ein paar höchst seltsame Kommentare gepostet, denen zufolge der Film einen falschen Eindruck erwecken würde, wie in Russland mit Homosexuellen umgegangen würde. Man darf nicht vergessen, das aktuelle Russland ist ein sehr homophobes Land. Schwule haben es dort extrem schwer. Als ich das Buch geschrieben habe, hätte ich nie gedacht, dass es eine Zeit geben könnte, in der man Stalin positiv bewerten kann. Anscheinend ist diese Zeit für die Herren im Kreml mittlerweile gekommen.

KIND 44 ist das erste Buch einer Trilogie. Wird es mehr Filme mit Leo Demidow geben?

Das weiß ich nicht genau. Es gibt einige Produktionsfirmen, die versuchen, die Romane fürs Fernsehen zu verfilmen. Ich glaube, es ist ein guter Stoff fürs Fernsehen. Beide Bücher sind atmosphärisch extrem dicht, und in einem Kinofilm müsste man viel davon weglassen. Im Fernsehen dagegen kann man sich mit dem Erzählen viel mehr Zeit lassen. Schauen Sie sich nur den Erfolg bestimmter Langzeit-Serien an. Daher würde das Fernsehen KOLYMA und AGENT 6 sicher eher gerecht als ein Kinofilm von neunzig Minuten. Aber noch ist nichts entschieden.

Das Gespräch führte Peter Twiehaus.