EIN NEUER TOM ROB SMITH

Die Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag

Hintergrundinformationen zu Tom Rob Smiths Thriller „Kolyma“

Am 25. Februar 1956 hielt der Erste Sekretär des ZK der KPdSU, Nikita S. Chruschtschow, auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei eine Geheimrede über die Verbrechen in der Stalinzeit. In dieser Rede wurde zum ersten Mal der Personenkult um Stalin und Stalins Verantwortung für die massiven Repressionen, die Verhaftung und physische Vernichtung unzähliger unschuldiger Bürger kritisiert.

Die Geheimrede wurde gedruckt, nummeriert und an die Funktionäre ausgegeben. Diese mussten den Empfang quittieren, die Rede ihren Kollektiven vorlesen und das 43-seitige Heft dann wieder zurückgeben. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen gelangte eine Kopie in die Hände der New York Times, die sie am 4. Juni 1965 veröffentlichte. Le Monde druckte die Rede zwei Tage später ebenfalls, und über die Verlesung im Sender Freies Berlin erreichte sie auch die Hörer in der DDR. In der Sowjetunion wurde der vollständige Wortlaut hingegen erst 1989 veröffentlicht.

Chruschtschow kritisierte in seiner Rede, man habe Stalin in einen „Übermensch[en] mit übernatürlichen, gottähnlichen Eigenschaften“ verwandelt: „Dieser Mensch weiß angeblich alles, sieht alles, denkt für alle, vermag alles zu tun, ist unfehlbar in seinem Handeln.“

Seine Kritik war allerdings bewusst auf die Person Stalin gemünzt. Chruschtschow argumentierte dabei mit Zitaten Lenins, der Stalin als großes Vorbild für die Partei gegenübergestellt wurde. Damit bekräftigte Chruschtschow zugleich das Festhalten an der Führungsrolle der KP.

 

Aus Nikita S. Chruschtschows Geheimrede:

„Stalin führte den Begriff "Volksfeind" ein. Dieser Terminus befreite umgehend von der Notwendigkeit, die ideologischen Fehler eines oder mehrerer Menschen, gegen die man polemisiert hatte, nachzuweisen; er erlaubte die Anwendung schrecklichster Repressionen, wider alle Normen der revolutionären Gesetzlichkeit, gegen jeden, der in irgendetwas mit Stalin nicht übereinstimmte, der nur gegnerischer Absichten verdächtigt, der einfach verleumdet wurde. Dieser Begriff "Volksfeind" schloss im Grunde genommen schon von sich aus die Möglichkeit irgendeines ideologischen Kampfes oder der Darlegung der eigenen Ansichten zu dieser oder jener Frage auch praktischen Inhalts aus. Als hauptsächlicher und im Grunde genommen einziger Schuldbeweis wurde entgegen allen Normen der heutigen Rechtslehre das "Geständnis" der Verurteilten betrachtet.

Das führte zu einer krassen Vergewaltigung der revolutionären Gesetzlichkeit, dazu, dass viele total Unschuldige, die in der Vergangenheit die Parteilinie verteidigt hatten, zu Opfern wurden.“

 

 

Tom Rob Smiths „Kolyma“ erzählt – neben einer spannenden Geschichte – immer auch davon, was das Bekanntwerden dieser Geheimrede für den kommunistischen Machtapparat bedeutete – und für die Opfer des Stalinismus in den menschenverachtenden Gulags.

Video zu Kolyma