EIN NEUER TOM ROB SMITH

Der amerikanische Freund

Hintergrundinformationen zu „Agent 6“

Wir schreiben das Jahr 1950. Leo Demidow hat in „Agent 6“ einen heiklen Auftrag zu erfüllen: Der schwarze Sänger Jesse Austin, ein Bürger der Vereinigten Staaten und enthusiastischer Unterstützer des Sowjetregimes, ist in Moskau zu Gast. Bei diesem Besuch darf nichts schieflaufen. Leo erhält die knappe Anweisung: „Seine Liebe für unser Land muss um jeden Preis geschützt werden.“

Bei der Figur des Sängers Jesse Austin hat sich Tom Rob Smith von einem realen Vorbild inspirieren lassen: dem Sänger, Schauspieler, Autor und Bürgerrechtler Paul Robeson. Hier eine kurze (und daher zwangsläufig unvollständige) Zusammenfassung seiner ungewöhnlichen Karriere:

Paul LeRoy Robeson (1898 – 1976)

Paul LeRoy Robeson wurde 1898 in Princeton, New Jersey geboren. Als dritter Schwarzer in der Geschichte der Universität studierte er an der Rutgers University, später dann an der Columbia Law School. Doch die Anwaltslaufbahn sagt ihm nicht zu. Anfang der 1920er Jahre begann er eine erfolgreiche Karriere als Theater- und Filmschauspieler und Sänger. Er ist heute u.a. bekannt als der erste schwarze Schauspieler, der in einem sonst weißen Ensemble Shakespeares Othello spielte.

Robeson sang mit Vorliebe Negro Spirituals, interessierte sich aber zunehmend auch für internationale Volkslieder. Unter anderem nahm er chinesische, russische und deutsche Lieder in sein Repertoire mit auf. Robesons Ruhm wuchs stetig: Nicht nur in seinem Heimatland, auch international machte sich der US-Amerikaner einen Namen.

Paul Robeson singt „Ol‘ Man River“ in einer Aufnahme von 1936

1928 zogen Robeson und seine Frau Eslanda nach Großbritannien, wo sie bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges leben sollten. Hier kam der Sänger mit der Arbeiterbewegung in Kontakt und wandelte sich von einem eher unpolitischen Künstler allmählich zum politischen Aktivisten:

„Meinen Kampfgeist und meine politischen Ansichten habe ich mir von eurer Arbeiterbewegung hier in Großbritannien abgeschaut … So habe ich verstanden, dass der Kampf meiner schwarzen Brüder in Amerika und der Kampf der unterdrückten Arbeiter dieser Welt der gleiche Kampf ist.“

Seine Erfahrungen mit dem alltäglichen Rassismus des weißen Amerika ließen ihn zu einem engagierten Kämpfer gegen Rassismus und Faschismus werden. Heute gilt Paul Robeson als ein Wegbereiter der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen.

Robeson und die UdSSR

1934 reisten Paul und Eslanda Robeson zum ersten Mal in die UdSSR. Der Künstler fühlte sich willkommen und zeigte sich begeistert darüber, dass es in der Sowjetunion – anders als in den USA – keinen institutionalisierten Rassismus gab. Mehr noch: Art. 123 der Sowjetischen Verfassung verbot jede rassistische Diskriminierung. „Hier bin ich kein ‚Neger‘ sondern zum ersten Mal in meinem Leben ein Mensch … Ich besitze uneingeschränkte menschliche Würde“, äußerte Robeson sich gegenüber der Presse.

Das offene Eintreten für die kommunistischen Länder und die sozialistische Revolution führte dazu, dass 1950 Robesons Pass konfisziert wurde. In England setzte sich unter dem Motto "Let Paul Robeson Sing" sogar ein Komitee dafür ein, dem Musiker das Reisen wieder zu ermöglichen. Doch es sollte acht Jahre dauern, bis Robeson seinen Pass wiedererlangte, weil er nicht schriftlich bestätigen wollte, kein Kommunist zu sein. Eine solche Erklärung verletzte seiner Ansicht nach die amerikanischen Bürgerrechte.

1952 wurde Robeson der Internationale Stalinpreis für die Festigung des Friedens zwischen den Völkern verliehen, den er sich – mangels Pass – in der russischen Botschaft abholen musste. Robeson pries Stalin noch 1953 in seiner Lobrede „An dich, geliebter Genosse“ für seine große Menschlichkeit, Weisheit und Güte – ein Jahr bevor Chruschtschow in seiner „Geheimen Rede“ auf dem XX. Parteitag erstmals öffentlich den Stalinkult angriff. Nach 1956 äußerte sich Robeson nicht mehr zu Stalin, weder im positiven noch im negativen Sinne. Je nach Standpunkt bewerten Historiker die Relevanz von Robesons Lobrede für die Gesamtbeurteilung seiner Person heute sehr unterschiedlich.

Paul Robeson singt das russische Volkslied "Das Lied der Wolgaschlepper"
(engl. "The Volga Boatmen")

1956 wurde der Sänger vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe zitiert. Er nutzte die Gelegenheit, um die Kommiteemitglieder für den Umgang mit den Bürgerrechten der Afroamerikaner zu kritisieren. Die Anschuldigungen gegen Paul Robeson wurden später fallengelassen, doch die Kontroverse über seine politischen Ansichten – mitten im Kalten Krieg – schadete seiner Karriere: Seine Plattenaufnahmen und Filme wurden nicht länger im großen Stil vertrieben, die amerikanischen Massenmedien wandten sich von ihm ab.

1958 begann Robeson sein Comeback, das ihn ein Jahr später auch wieder nach Russland führen sollte. Vor 18.000 Besuchern sang er im Chabarowsker Lenin-Stadion russische Lieder und Standards, er traf u.a. Nikita Chruschtschow und besuchte ein Pionierlager. Sein nächster UdSSR-Besuch 1961 sollte zugleich sein letzter sein: Während einer Feier in Moskau unternahm Robeson, wohl während eines Paranoiaschubs, einen Selbstmordversuch. Depressionen und eine Panikattacke folgten, er wurde zur Behandlung ins Krankenhaus eingewiesen. Da seine Gesundheit auch in den folgenden Jahren angeschlagen blieb, zog sich Robeson weitgehend ins Privatleben zurück. Ab Mitte der 1960er Jahre wurde Paul Robesons künstlerisches Werk nach Jahren der Missachtung wieder öffentlich gewürdigt. Sein 70. Geburtstag wurde in vielen Ländern festlich begangen (darunter z.B. dreitägige Feierlichkeiten in der DDR). 1976 verstarb Paul Robeson in Philadelphia, Pennsylvania.

Paul Robeson singt die englische Version der Nationalhymne der UdSSR